DAS DRUMSET - EINE ENTWICKLUNGSGESCHICHTE VON DEN ANFÄNGEN BIS HEUTE

Das Drumset als noch relativ junges Instrument hat eine bemerkenswerte Reise hinter sich - die vermutlich noch nicht abgeschlossen ist. Hier einige wichtige Entwicklungsschritte seit den frühen Tagen des trap sets bis hin zum heutigen drumset.

um 1885:
Dee Dee Chandler kommt auf die Idee, die Bassdrum mit dem Fuß zu betätigen. Der Schlegel hing dabei vom oberen Trommelrand herab und wurde mit einer Art Pedalvorrichtung betätigt (siehe „one-man band“). Davor praktizierte man üblicherweise das sog. „Double Drumming“: Ein Spieler betätigt Snare und Bassdrum in Personalunion mit seinen Stöcken. Es gibt kein Bassdrumpedal, die Snare wird wegen besserer Erreichbarkeit beider Instrumente oft sehr stark schräggestellt. Auch nach der Erfindung des Bassdrumpedals hält sich diese Technik noch recht lange.

1887:
George Olney meldet am 01. Feburar 1887 das erste Patent auf sein Bassdrumpedal an. Viele der ersten Pedale waren übrigens nicht gleich aus Metall sondern aus Holz, da Metallbearbeitung noch vergleichsweise aufwändig war. Olney‘s Pedal war allerdings eine Vorrichtung, bei der der Schlägel vom oberen Ende des Spannreifens der Trommel herunterhing, während das Pedal zur Betätigung auf dem Boden stand.

Darauf aufbauend werden einige weitere Erfindungen - auch zur zeitgleichen Betätigung eines Beckens - gemacht (Albin Foerster 1888, W.J. Rappold 1894); diese setzen sich allerdings nicht durch.
In der Folge wird auch mit sogenannten „snowshoes“ als Vorläufern der heutigen Hihat experimentiert; belegt sind erste Versuche von William F. Ludwig mit dem Drummer Baby Dodds während eines Engagements mit Louis Armstrong auf Ausflugsdampfern in St. Louis. Leider finden sich teils stark abweichende Angaben mit Jahreszahlen hierzu.

1899:
Ulysses Grant Leedy baut den ersten Snaredrum Ständer aus Metall und gründet die Firma „Leedy“ mit 50 USD Startkapital. Vor diesem Zeitpunkt gab es nur die Möglichkeit mit einer sog. „sling“ die Trommel im Marschieren zu tragen oder auf einen Stuhl zu stellen. Das Design dieses Stativs wurde von vielen Firmen kopiert und bis weit in die 50er Jahre mit wenigen Änderungen beibehalten. Bereits 1920 überstieg der Umsatz 250.000 USD, die Firma war zu diesem Zeitpunkt der weltgrößte Hersteller für Trommeln und Zubehör - lediglich Becken wurden nicht gefertigt. Wichtige Erfindungen waren z.B. auch mehrfach geflanschte Spannreifen; ebenso baute Leedy das erste Vibraphon.

1900:
Max Flemming aus Dresden läßt Apparate zum Spiel von Becken und Trommeln mit dem Fuß patentieren. Von trommelnden Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, allerdings eben auch einer der ersten deutschen Beiträge zu diesem Thema.

1903:
W.H. Heybeck läßt erstmals ein synthetisches Trommelfell aus gewebeartigem Material (Seide, Leinen) patentieren. Die Membran soll mehrere Lagen aufweisen und mittels einer Mischung aus Quecksilber, Oxalsäure, Schellack und Salz so beschichtet werden, daß sowohl klangliche Eigenschaften wie Haltbarkeit und Wetterunabhängigkeit gegeben sein sollen. Wie wir wissen, hat sich die Idee nicht wirklich durchgesetzt …

1909:
Die Brüder Theobald und William Ludwig melden ein Patent auf ein verbessertes Pedal an (wörtlich: „drum and cymbal playing apparatus“). Es ist komplett aus Metall gefertigt, hat seitlich eine Feder, einen austauschbaren Filzschlägel und justierbaren „clanger“. Dieser kann je nach Bedarf auch demontiert werden. Dieses Pedal wird schnell von vielen Firmen der Branche kopiert. Gründung der Firma Ludwig & Ludwig. Die Abbildung zeigt ein sehr ähnliches Pedal ohne den „clanger“.

1912:
Die Anfälligkeit der Naturfelle für Feuchtigkeit und Temperatur stellt immer wieder ein Problem für Stimmstabilität und Sound dar. Das Experiment von Heybeck mit synthetischen Fellen konnte hier keine Abhilfe liefern, deshalb überlegt man bei Leedy & Wanamaker, das Problem auf andere Art zu lösen: Ein elektrischer Heizstab wird in die Trommel integriert.

1913:
Der ausziehbare "Fly Killer" von Allis und Wiens wird mit großer Wahrscheinlichkeit die Vorlage für das, was Drummer wenig später als Besen einsetzen. In der Patentschrift selbst ist zu keiner Zeit die Rede von einer möglichen Benutzung bei der Betätigung eines Musikinstruments - erst sehr viel später wird Billy Gladstone ein entsprechendes verfeinertes Patent einreichen.

um 1920:
Die Hersteller beginnen verstärkt, vollständige (im damaligen Sinne) Sets anzubieten.
Hier ein Patent von Leedy mit an der Bassdrum befestigter Snare und diversen „contraptions“:

1923:
Leedy entwickelt eine schon ziemlich fortschrittliche Mechanik, mittels welcher der Snareteppich mit dem Fuß aktiviert bzw. deaktiviert werden kann. Die Vorteile liegen selbstverständlich auf der Hand (oder dem Fuß).

1924:
William „Billy“ Gladstone entwickelt ein Bassdrumpedal, bei dem Schläge durch Aktion von Fußspitze und Ferse ausgelöst werden können (siehe Sonor „Giant Step“) und sogar durch seitliches Verschieben des Pedals ein Becken betätigt werden kann. Für diese Zeit ein unglaublich fortschrittliches Gerät, das seiner Zeit sicherlich zu weit voraus war.

1926:
Die Firma Walberg & Auge baut die ersten Hihat-Maschinen in Serie mit verlängertem Rohr und den Becken auf Höhe der Snare. Schon Anfang der 20er Jahre gibt es jedoch auch Versionen z.B. von Leedy (Katalog 1924). Interessanterweise verdrängt die Hihat den „low boy“ nicht sofort; in vielen Firmen bleiben beide Varianten eine zeitlang im Sortiment. Es gibt Hinweise darauf, daß „Papa“ Jo Jones ein Mitinitiator dieser Erfindung war, leider existieren aber auch hier teils widersprüchliche Angaben - auch im Bezug auf Jahreszahlen. Fakt ist, daß Walberg & Auge auch damals schon für andere Anbieter Hardware gefertigt hat; quasi ein frühes Beispiel für sog.  OEM Business ("Original Equipment Manufacturing",    eine Firma fertigt Teile für eine andere Firma, die diese unter ihrem eigenen Namen am Markt platziert. Der Name der herstellenden Firma wird nicht erwähnt).

1927
Billy Gladstone patentiert anschraubbare "Bassdrumspitzen", die der Position der Trommel mehr Stabilität verleihen sollen. Zu der Zeit sind Bassdrums selbstverständlich noch nicht mit den heute üblichen Füßen ausgestattet und können auch einfach leicht mal regelrecht wegrollen oder ihre Position verändern.

1931
E.P. James meldet ein Patent auf einen Snareteppich aus gewundenen Metalldrähten an. Bis dahin wurden lediglich Teppiche aus Darmsaiten benutzt, die - genau wie Kalbsfelle - gegenüber Feuchtigkeit und klimatischen Gegebenheiten recht anfällig waren. Billy Gladstone z.B. beschichtete die Darmsaiten seiner Teppiche mit diversen Lacken aus diesem Grund. Mit dem Metallteppich wurde ein weiterer, großer Schritt nach vorne in der Entwicklung des modernen Drumsets gemacht.

1935:
George Logan läßt ein Patent auf ein „synthetisches“ Trommelfell eintragen, das Fell soll allerdings aus einem textilartigen Material (wie Leinen, Seide etc.) gefertigt und anschließend wasserabweisend behandelt werden. Wie allseits bekannt, setzte sich das Prinzip allerdings - vermutlich auch vorwiegend aus klanglichen Gründen - nicht durch. Bereits 1903 hatte William Heybeck in Pittsburg vergleichbare Versuche unternommen. Auf ganz ähnliche Weise sollten mehrer Schichten eines Textilgewebes verleimt und zur besseren Haltbarkeit mit einer Mischung aus Schellack, Quecksilber, Oxalsäure und Salz behandelt bzw. beschichtet werden. Hat aber ebenfalls nicht so richtig funktioniert ...

1936:
Slingerland stellt nach Initiative von Gene Krupa stimmbare Toms vor.
Hierdurch werden die zunächst nur „genagelten“ sog. „chinesischen“ Toms nach und nach ersetzt und kommen allmählich aus der Mode. Anfangs waren auch Mischformen (nur oben stimmbar) durchaus geläufig.

1942:
Während des Krieges wird Metall streng rationiert. Der Metallanteil aller nicht als kriegsrelevant eingestuften Waren/Produkte durfte 10% des Gesamtgewichts nicht überschreiten („10% law“). Slingerland baut während dieser Zeit aufgrund dieser neu eingeführten gesetzlichen Regelung Drumsets mit Spannböckchen aus Holz - aber auch andere Hersteller tun das (Leedy „Alliance“ Serie oder Ludwig & Ludwig „Victory“ Serie). Die Namen der Produktlinien selbst haben damit auch schon etwas martialisch/kriegerisches an sich …

1950:
Billy Gladstone entwickelt Snares mit einigen hochmodernen features, die teils noch heute als „ultrafortschrittlich“ gelten können. Dazu zählen z.B. eine verbesserte Abhebevorrichtung, ein Innendämpfer mit Gradskala sowie ein neuartiger Stimmmechanismus mit speziellem Stimmschlüssel, bei dem beide Felle einzeln als auch gleichzeitig gestimmt werden können. Dieses Patent wird heute noch von Tama bei den „Omnitune“ Sets verwendet. Der Kessel ist ein dünner, vierlagiger Ahornkessel von Gretsch.

1951:
William „Billy“ Gladstone patentiert das erste Übungspad aus Gummi, das „Gladstone Pad“. 1959 wird er das Patent und alle Rechte inclusive der Formen (production mold) für 1000,- USD an die Firma WFL Ludwig verkaufen. In Basel sind um 1880 allerdings schon kunstvolle „Trommelstühle“ mit „Böckli“, Notenständer, Stockhalter, Leuchterarm belegt.

1952:
Der „Ray McKinley“ Tomhalter wird entwickelt - Toms lassen sich jetzt durchaus komfortabler montieren und in Position halten. Eine kleine "Schiene" auf der Bassdrum läßt ebenso individuellere Positionierung zu.

1954:
Es wird langsam ernst auf dem Markt für Trommelfelle: Rafry McMullen patentiert ein Trommelfell aus einer synthetischen Acrylfaser, das Material soll zusätzlich beschichtet werden. Das Basismaterial ist dabei bereits von der Firma Dupont hergestellt - der spätere Lieferant für die berühmte Mylarfolie aller nachfolgenden Fellfabrikanten.

1956:
„Chick“ Evans entwickelt das erste Trommelfell aus Plastik bzw. einem Polyesterfilm der Firma DuPont (Mylar) und setzt damit neue Maßstäbe. Obwohl es beträchtlichen Widerstand dagegen gibt, sind vor allem die Unabhängigkeit von klimatischen Bedingungen und deutlich größere Haltbarkeit die letztlich entscheidenden Pluspunkte. Die Zusatzbezeichnungen „All Weather“ bzw. „Weatherking“ beziehen sich natürlich auf diesen Vorzug. Beworben wird diese Neuerung unter anderem mit „Barnie Beats“, der auch im Regen trommeln kann. Vor dieser Zeit gibt es von einigen Herstellern teils aufwändige Systeme, bei denen Trommeln mit elektrischen Heizschlangen im Kesselinneren ausgestattet wurden.
Bis dahin mußten Kalbsfelle zuerst zugeschnitten und anschließend in feuchtem Zustand über einen sog. „flesh hoop“ (einen dünnen Reifen aus Holz oder Messing) gezogen bzw. gewickelt werden. Ein relativ aufwändiger Prozess, der durchaus auch einiges an Geschick und Routine erfordert. Der Markt für Felle aus Kunststoff war von Anfang an offenbar stark umkämpft, verschiedene Erfinder und Hersteller haben hier versucht, Pflöcke einzuschlagen. Bereits 1954 patentiert Ray McMullen ein Plastikfell, das aus einer Acrylfaser (bereits von DuPont hergestellt) hergestellt werden sollte. 1960 patentiert Remo Belli im Wesentlichen die Idee von Chick Evans und legt den Grundstein für die Vormachtstellung von Remo auf diesem Gebiet.

1959:
Frank Ippolito entwirft und patentiert ein erster "Practice Set" zum geräuscharmen Üben. Damals wie heute gab und gibt es Probleme mit Nachbarn etc. - das erwähnt Ippolito auch in seiner Begleitschrift zum Patent.

1957:
Die Firma Ludwig übernimmt das Ray Mc Kinley Prinzip und baut ab 1957 ebenso Sets mit der sog. „Rail Consolette“; der Schiene auf der Bassdrum zur Positionierung der Toms.

1958:
Horace Haviland meldet ein Patent auf das wahrscheinlich erste (ernstzunehmende) Doppelpedal an, das als Vorläufer unseres heutigen Doppelpedals gesehen werden kann. Es gab auch durchaus davor schon bemerkenswerte Versuche; in der Regel gab es dabei aber kein zweites, entfernt stehendes Pedal und keine Verbindungswelle. Das zweite Pedal war in die Hihat-Maschine integriert und stand links (!) davon.

1960:
Die Firma Rogers entwickelt eine Reihe von bemerkenswerten Hardware Lösungen, darunter den „Swiv-O-Matic“ Tomhalter mit Sechskantprofil und Kugelgelenk. Dieses Prinzip wurde in vielerlei Form kopiert und von anderen Herstellen in mehr oder weniger stark variierter Form übernommen.

1960:
Die Firma Slingerland patentiert 1960 ebenfalls die ersten, im Trommelinneren versenkbaren Bassdrumfüße. Davor hatten Bassdrums entweder gar keine Füße, seit etwa 1950 waren an den Spannreifen anzubringende Dornen in Gebrauch. Die Erfindung geht auf eine Initiative von Louie Bellson zurück.

1968:
Slingerland entwickelt den „Set-O-Matic“ Tomhalter mit verbesserter Stabilität und Kugelgelenk. Die Prinzipien von L-förmigen Armen und Kugelgelenken sind bei der Aufhängung von Toms zu den gängigsten Verfahren geworden und haben sich letztlich durchgesetzt.

1977:
Haruhiki Kobayashi von Nippon Gakki Seizo Kabushiki, Japan, patentiert das erste Galgenstativ - bei uns dürfte die Firma besser unter dem Namen Yamaha bekannt sein. Das Design und die Standfestigkeit mag sicher ausbaufähig sein - aber egal, dafür war es ja auch das erste (vermutlich zumindest).

1978:
Armand Zildjian patentiert erstmals ein sog. "Flat Ride" - also ein Becken mit neuartigem Profil ohne Kuppe.

1979:
Gary L. Gauger meldet ein sog. Resonance Isolation Mounting System - kurz R.I.M.S    System - zum Patent an. Dieses Verfahren Trommeln aufzuhängen wird bei inzwischen so gut wie allen Herstellern in ähnlicher Form praktiziert. Die genauen Verfahren mögen variieren, die Notwendigkeit und Wirkungsweise ist allerdings ein weiterer echter Fortschritt in der Architektur des Drumsets gewesen.

1993:
Die Firma Yamaha patentiert erstmals ein "closed hihat" ohne ensprechendes Pedal für den Betrieb z.B. über dem Stand-Tom.

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